Tiny Forests: Mini-Wälder für Städte

Mitten im Betondschungel gleichen sie grünen Oasen in der Wüste: sogenannte „Tiny Forests“ in Ballungszentren und an Stadträndern – der neueste Hype in Sachen Klimaschutz. Diese urbanen Wäldchen auf engstem Raum sollen für ein besseres Wohn- und Wohlfühlklima sorgen. Erfunden hat das nachhaltige Konzept der japanische Botaniker und Pflanzensoziologe Akira Miyawaki. „Eine bahnbrechende Neuigkeit sehe ich darin nicht. Ob Parks, Alleen oder eben Wälder – in Städten mit wenig Grünflächen kann jeder Beitrag als sinnvoll eingestuft werden, um die negativen Auswirkungen von Hitzesommer, Tropennächte oder Starkregen zu reduzieren“, erläutert Prof. Harald Vacik vom Institut für Waldbau an der BOKU Wien.

Die Miyawaki-Methode

Bereits in den 1970er Jahren beschäftigte sich Miyawaki mit der Waldentwicklung und Begrünung von Großstädten. Er suchte nach einer Methode, um das Baumwachstum zu beschleunigen – und wurde fündig: Pflanzt man verschiedene heimische Arten auf kleinem Raum verdichtet aneinander, wachsen sie zehnmal schneller als in einem natürlichen Wald – etwa einen Meter pro Jahr. Das liegt daran, dass natürliche Wachstums- und Konkurrenzbedingungen simuliert werden und die Bäumchen dadurch in die Höhe schießen. Ein künstlich angelegter Tiny Forest ist bereits nach drei Jahren autark, nach etwa 20 Jahren weist er keine Unterschiede mehr zu einem 200 Jahre alten Forst auf.

Bäume und Sträucher werden eng aneinander gepflanzt. | Credit: iStock.com/supharb sangkla

Pioniere in der „Wald-Zucht“

In Asien gilt Akira Miyawaki als Waldflüsterer, auch sein Tod 2021 tat der Begeisterung für urbane Forste keinen Abbruch. Einer der bekanntesten Nachahmer ist der Inder Shubhendu Sharma. Er war von einem Vortrag Miyawakis so fasziniert, dass er seinen Ingenieur-Job an den Nagel hängte und die Firma Afforestt gründete. Rund 140 Mini-Wälder in mehr als 40 Städten hat er bereits realisiert – in Mumbai, Beirut oder Singapur. Auch in Großbritannien, Deutschland oder den Niederlanden schlagen erste Tiny Forests Wurzeln. „Akira Miyawaki hatte ein sehr gutes Verständnis für Walddynamik. Mir gefiel die Idee, dass diese Wälder quasi direkt vor unserer Haustüre gedeihen“, erzählt Nicolas de Brabandère, der das Handwerk bei Sharma in Indien erlernte. Mit seinem Unternehmen Urban Forests legte der Belgier 2016 seinen ersten Mini-Wald an, es folgte 60 weitere in Belgien und Frankreich.

Nicolas de Brabandère | Credit: Nicolas de Brabandère/Urban Forests
2,5 Jahre alter Tiny Forest | Credit: Nicolas de Brabandère/Urban Forests

Kleine Oasen der Vielfalt

„Miyawaki-Wälder können überall errichtet werden, auch dort wo Menschen arbeiten oder ihre Freizeit verbringen“, zeigt sich de Brabandère begeistert. Bereits 100 Quadratmeter mit genügend Sonneneinstrahlung reichen für die Bepflanzung aus, das entspricht in etwa einer gängigen 4-Zimmer-Wohnung. 20 bis 40 heimische Baum- und Sträucherarten werden angepflanzt, in den ersten zwei bis drei Jahren müssen sie gepflegt und bei Bedarf gegossen werden. Tiny Forests verschönern nicht nur das Stadtbild, sie produzieren Sauerstoff, säubern die Luft, kühlen, reduzieren Lärm, binden Kohlendioxid und fördern die Biodiversität. Einer niederländischen Studie zufolge tummeln sich in einem Miyawaki-Wald 18-mal so viele Tierarten als in einem konventionellen.

Klima-Retter?

Können Tiny Forests aber wirklich zum Klimaschutz beitragen? „Jeder grüne Beitrag kann eine Wirkung haben. Die Größe des Waldes spielt bei der Stärke des Effekts aber schon eine Rolle“, so Wald-Experte Harald Vacik. Dem pflichtet auch Tiny-Forest-Pionier Nicolas de Brabandère bei: „Um einen direkten Einfluss auf das Klima zu haben, sind Miyawaki-Wälder zu klein. Ihre Aufgabe ist es, die Lebensbedingungen vor Ort zu verbessern.“ Und genau das können die Mini-Wäldchen.

Tiny Forests verbessern die Lebensqualität vor Ort. | Credit: iStock.com/weerapatkiatdumrong
Autor: Simone Reitmeier, 21.04.2022