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Verzichten für das Klima

Trockene Flüsse, Hochwasser, Waldbrände. In Europa sind Klimakatastrophen längst Alltag. Wir wissen es schon lange: Unser Lebensstil muss sich anpassen. Warum ändern wir trotzdem nichts?

WARUM IST VERZICHTEN SO SCHWER?

"Das liegt in unserer Natur. Wir haben eine extreme Abneigung dagegen, Dinge aufzugeben“, sagt Lorenz Burgstaller. Er macht ein Doktorat in Sozialpsychologie und forscht zur Wahrnehmung von Verzicht und nachhaltigen Konsummustern. „Der Wille allein reicht nicht, um klimaschädliches Verhalten zu ändern. Das liegt an verschiedenen psychischen Mechanismen.“

Einer dieser Mechanismen: Aufwerten, was wir haben. Das SUV, das tägliche Wurstbrot, der Urlaub per Billigflug – all diese Dinge bewerten wir als gut und wich- tig. Mehr noch: Sie bedeuten Freiheit. Sie stiften Identität. Das macht Nachhaltigkeit zur Grundsatzdebatte. Wir fühlen uns an- gegriffen und handeln emotional, statt die Vernunft einzuschalten. „Die Leute haben das Gefühl: Was ich habe, soll mir wegge- nommen, sogar verboten werden. Das aktiviert starke Abwehrreaktionen.“

Dann bestellen moderate Fleischesser plötzlich täglich ein Schnitzel. Wer früher gerne Bahn gefahren ist, nimmt jetzt aus Prinzip das Auto. „Das lasse ich mir doch nicht nehmen!“ oder „Jetzt erst recht!“. Diese extremen Trotzreaktionen nennt man in der Psychologie Reaktanz. Zusätz- lich zum Schmollen legt sich die Psyche starke Rechtfertigungsmittel zurecht, um trotz Umweltzerstörung ein scheinbar reines Gewissen zu bewahren.

Das stärkste Mittel: schlechte Gewohnheiten. „Es ist sehr, sehr schwer, jahrelange Verhaltensmuster zu ändern. Man kennt es aus Untersuchungen zum Rauchen.“ Natürlich ist eine körperliche Nikotinabhängigkeit nicht ganz dasselbe. Trotzdem sind in der Psyche festgefahrene Gewohnheiten damit vergleichbar. Um neue Muster zu entwickeln, müssen wir gewisse Reize (z. B. das Schaufenster einer Fast-Fashion-Kette) mit einer neuen Reaktion (Brauche ich das wirklich? Nein? Dann weitergehen!) verknüpfen. Das ist harte Arbeit.

Das zweite Mittel: (falsche) Orientie- rung an Mitmenschen. Der breiten Masse ist es mittlerweile klar: Wir müssen viel ändern. Trotzdem machen wir alle weiter wie bisher. „Wir sehen überall Autos, Flug- zeuge und Steaks. Das ist irreführend. Es gibt uns das Gefühl: Na ja, alle machen es, also ist es schon okay. Wir wollen nicht selbst leiden, obwohl andere weiter profi- tieren.“

Das führt zum dritten Mittel: Verant- wortung abgeben. Wir blenden die Konsequenzen unseres Konsums einfach aus. „Ja, ich will das Klima retten – aber ich will auch weiter billig in den Urlaub fliegen“, heißt es. Um diesen inneren Konflikt auf- zulösen, haben wir zwei Optionen. Ers- tens: Wir ändern tatsächlich unser Verhal- ten und hören auf, Billigflüge zu buchen. Zweitens: Wir deuten unser Verhalten um. Wir rechtfertigen es, um vor uns selbst gut dazustehen. Die zweite Option ist wesent- lich praktischer. Daraus ergeben sich trü- gerische Thesen. „Ich esse kein Fleisch, dann ist das Fliegen zum Ausgleich schon in Ordnung“, sagen wir dann. Oder: „Wenn ich kein Fleisch esse, werde ich die Welt auch nicht retten. Was ich mache, ist schlecht – aber darauf verzichten würde auch nichts ändern.“ So tricksen wir uns selbst aus.

Können wir uns noch rechtzeitig ändern? „Ja“, sagt Lorenz Burgstaller. „Wir erleben den Klimawandel gerade als akute Gefahr. Deswegen funktionieren falsche Rechtfertigungen immer schlechter.“ Überschwemmungen, Trockenheit und ex- treme Hitzewellen sind auch in Österreich Normalität geworden. Das zwingt uns, ehrlicher über das Thema nachzudenken. „Wir bewerten das, was zeitlich nahe ist, als wesentlich wichtiger. Bisher haben wir nur gehört, dass der Meeresspiegel in 20, 30 Jahren steigen wird. Dieser Zeitraum war für unsere Psyche zu weit weg, nicht greifbar. Aber die Naturkatastrophen ho- len den Klimawandel ins Jetzt. Mitten ins Bewusstsein der Menschen. Sie zeigen uns: Wir können Umweltschutz nicht länger vor uns herschieben.“

VERZICHT FÜR DAS KLIMA: IST UNSER LEBENSSTANDARD IN GEFAHR?

Nein“, sagt Prof. Harald Rieder. Er lei- tet das Institut für Klimatologie an der BOKU Wien. Zusätzlich engagiert er sich im Führungsteam des Climate Change Centers Austria. „Wenn wir den grünen Systemwandel schaffen, wird un- ser Leben nicht schlechter. Im Gegenteil. Das wird die Lebensqualität der Menschen sogar verbessern.“

Dieser Grundsatz zieht sich quer durch alle Lebensbereiche. Ein Beispiel: der Verkehrssektor. „Wenn wir von fossiler Mobilität auf elektrische Verkehrsmittel umsteigen, haben wir nicht nur weniger Treibhausgasemissionen. Wir atmen dann auch weniger Luftschadstoffe ein. Das verbessert die Luftqualität – und dann haben wir automatisch weniger gesundheitliche Risiken.“ Laut Gesundheitsministerium führen Abgase zu einer erhöhten Stick- stoff- und Feinstaubbelastung. Das schä- digt die Lunge, bestimmte Schadstoffe er- höhen sogar das Krebsrisiko. Laut der WHO führt Feinstaub in Österreich jähr- lich zu mehr als 2.000 Todesfällen.

Das Gleiche gilt für den Fleischkonsum. „Wenn wir vegetarisch leben oder nur ein, zweimal die Woche Fleisch essen, sparen wir Emissionen ein. Gleichzeitig belegt eine Reihe medizinischer Studien, dass weniger Fleisch gut für den Körper ist.“ Die AGES empfiehlt, wöchentlich maximal drei Portionen fettarmes Fleisch zu essen. Pro Mahlzeit sind 100 bis 150 Gramm vorgese- hen. Davon ausgehend beträgt die maximal empfohlene Menge im Jahr 23,4 Kilo- gramm. Die Realität sieht anders aus: Laut Statistik Austria isst der durchschnittliche Österreicher 60,5 Kilogramm pro Jahr. Das ist die 2,5-fache Empfehlungsmenge. Es entspricht dem Körpergewicht einer durchschnittlichen Frau.

Geht es in dieser Debatte also gar nicht um Verzicht? „Verzicht ist das falsche Wort“, sagt Rieder. „Es ist sehr negativ ge- laden. Da haben die Menschen gleich Angst, dass das Leben schlechter wird. Dabei geht es in Wirklichkeit um eine nachhaltige Transformation.“ Für eine klimagesunde Zukunft müsse Klimaschutz massentauglich werden. „Die nachhaltigs- te Alternative muss die attraktivste wer- den“, sagt er. Damit klimaneutral das neue „normal“ wird, müssen klimafreundlicheEntscheidungen wesentlich billiger und praktikabler werden. Das nennt er „No-Re- gret-Optionen“. Wer sie wählt, soll keine Reue dabei empfinden – und schon gar nicht das Gefühl haben, er „verzichtet“ auf etwas.

Es hängt von unserer Wahrnehmung ab, wie wir den Wandel unseres Lebensstils beurteilen. Das bestätigt der Sozialpsychologe Lorenz Burgstaller. „Eine Verhaltensänderung wird erst als Verzicht gesehen, wenn man dabei leidet. Das ist ein subjektives Gefühl. Angenommen, ich bin bisher dreimal im Jahr auf Urlaub geflogen. Der Umstieg auf den Zug wird mir schwerfallen, ich werde darunter leiden. Aber je- mand, der nie viel geflogen ist, wird weniger Billigflüge nicht als Verzicht empfinden“, sagt er.

Können wir uns von diesem Leidens- druck lösen? „Ja“, so Burgstaller. „Wir kön- nen unseren Fokus verändern. Der Aspekt des Leidens muss nicht im Mittelpunkt stehen. Genauso könnten wir uns denken: Es geht auch anders.“ Dafür sei aber ein Grundlevel an Wohlstand und sozialer Ab- federung Voraussetzung. „Wenn jemand in einer kalten Wohnung sitzt, kann ich natürlich nicht sagen: „Sieh das doch anders.“ Aber ab einem gewissen Niveau an finanzieller Sicherheit muss es nicht mit Leid verbunden sein, weniger oder bewusster zu konsumieren. Da wäre die Frage eher: Woher kommt dieser starke Drang? Das ist nämlich nicht zwingend notwendig.“

WARUM STRÄUBT SICH DIE POLITIK GEGEN NÖTIGES VERZICHTEN?

Philipp Lepenies ist Professor für Politikwissenschaften an der FU Berlin. In seinem neuen Buch „Verbot und Verzicht“ fordert er härteres Durchgreifen in der Umweltpolitik. „Der Klimawandel löst einen enormen Handelsdruck aus. Den kann man in Einzelfällen durch Verbote lösen. Das heißt nicht, dass das die einzige oder beste Lösung ist – aber ganz ohne Verbote wird es nicht gehen.“ Lepenies kri- tisiert, dass eine „Politik des Unterlassens“ zum Ideal geworden ist. Diese Taktik schreibt er besonders der Merkel-Ära zu.Es wird möglichst wenig getan, um wichtige Wählergruppen nicht zu vergrämen.

Warum ist das so? „Das ist der Neoliberalismus. Das Dogma: Moral darf in Markt- prozessen keine Rolle spielen. Der Staat gilt als Gegner, der die Konsumfreiheit einschränkt“, sagt Lepenies. In der Politik gäbe es den Konsens, dass der Wettbe- werbsmarkt die ideale Form sozialer Ord- nung ist. „Aber das basiert auf der Annah- me, dass der Mensch ein rationales Wesen ist. Das ist er nicht“, betont er. Durch dieses Wertesystem hinterfragen wir unseren Konsum nicht. Wir blenden die Konsequenzen für die Umwelt, unsere Kinder oder den globalen Süden aus. Dafür macht Lepenies auch die Wissenschaft mitver- antwortlich. „Es waren Nobelpreisträger, die uns eingeimpft haben: Moraldebatten gehören nicht in Konsumentscheidungen. Dabei ist diese Ideologie an einem gewis- sen Punkt fast schon unwissenschaftlich.“

Es gibt den Klimawandel – das steht außer Zweifel. Warum sorgen klare, nötige Maßnahmen trotzdem für einen Auf- schrei? „Wir stecken in einer tiefen Demokratiekrise“, sagt Lepenies. „Eine Neben- wirkung des Minimalstaats ist die mini- male Bürgererziehung. Wie gestalten wir politische Bildung? Diese Baustelle haben wir vollkommen aus den Augen verloren. Wir denken, man ist automatisch ein rati- onales, politisches Wesen. Ich behaupte: Man ist es nicht. Man wird es durch Bildung, und man wird nie fertig damit.“

Das hat Konsequenzen. „Es gilt nicht mehr als normal, dass eine demokratische Regierung richtig und falsch abwägt und dann Maßnahmen trifft. Dabei ist genau das die Jobbeschreibung der Politiker. Eine Demokratie ist berechtigt, unser Verhalten mit Blick auf das Gemeinwohl zu steuern. Genau dafür wurde sie gewählt. Dieses Verständnis gibt es in der breiten Masse nicht mehr.“

Aber ist Skepsis nicht angebracht? Der politische Alltag wird immer von Korrupti- on und Lobbyismus geprägt. „Klar, diese heruntergebrochene Logik ist etwas idea- listisch. Aber nur weil bestimmte Personen das Falsche tun, sollten wir uns nicht von Idealen verabschieden. Ich sehe keine Al-
ternative zu einem demokratischen Sys- tem. Wir brauchen den Staat, weil wir Menschen unsere Probleme alleine nicht friedlich lösen können.“

Wie muss die Politik mit dieser Vertrauenskrise umgehen? „Mir wäre lieber, der Staat wäre in seinen Forderungen nach Verzicht für das Klima deutlicher. Ein Bei- spiel aus Deutschland: Unter Experten gibt es einen Konsens, dass zum Einsparen von Benzin ein Tempolimit angebracht wäre. Da gab es sofort von allen Seiten einen Aufschrei. Warum reagieren die Länder und die Regierung in Berlin nicht viel schneller? Keiner sagt: Leute, wir müssen sparen, weil wir in Europa eine Kriegssitu- ation haben. Keiner traut sich, klare Ansagen zu machen“, sagt Lepenies.

Was braucht es jetzt? „Es braucht selbstbewussten Mut zum Handeln. Wer politische Entscheidungen fällen darf, muss auch seinen Job machen. Wenn je- mand trotz Klimawandel nicht der Mei- nung ist, dass etwas getan werden muss, ist er fehl am Platz. Das wird die Geschich- te zeigen.“